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Werner Scholem – ein Radikaler in der Weimarer Republik

Film, Buchvorstellung und Diskussion
Mi, 14. Januar 2015 um 19:30 Uhr
Referent und Autor: Ralf Hoffrogge (Historiker)

Werner Scholem – eine politische Biographie

Werner Scholem (1895-1940) wird heutzutage meist verbunden mit seinem Bruder Gershom, Benjamin-Herausgeber und Experte zur jüdischen Mystik.
In den 1920ern war jedoch der “große Bruder” Werner weit prominenter, als KPD-Politiker mischte er im Preußischen Landtag und später im Reichstag die politische Szene auf, seine polemischen Reden waren gefürchtet und berüchtigt. Nicht selten galt seine Politik als bloßer “Radau”, Walter Benjamin nannte ihn gar einen “Lausejungen”. Doch die Provokationen waren nicht inhaltsleer: trotz schriller Töne legte Scholem stets den Finger in die Wunde, brandmarkte die reaktionäre Schulpolitik der Weimarer Republik genauso wie ihre rechtslastige Justiz. Er kritisierte 1922 Arierparagraphen und Antisemitismus bei den Studentenverbindungen, warnte bereits im April 1923 vor einem Putsch Hitlers. Doch er konnte den Rechtsruck der Republik nicht verhindern: 1926 wurde Werner Scholem wegen seiner Opposition gegen Stalin aus der KPD hinausgesäubert, 1933 verhaftet und 1940 im KZ Buchenwald ermordet.

Ralf Hoffrogge, Autor von “Werner Scholem – eine politische Biographie” (UVK Verlag 2014) stellt sein Buch zur Diskussion und widmet sich besonders dem Widerspruch von Scholems Wirken als Revolutionär in nichtrevolutionärer Zeit.

Die Einleitung bildet der 20-minütige Dokumentarfilm “Von der Utopie zur Gegenrevolution” von Niels Bolbrinker, der unter anderem ein Interview von Scholems Tochter Renee Goddard aus dem Jahr 2011 enthält.

Dekonstruktion des Heroischen

Vortrag
Mi, 22.2.2012 um 19:30 Uhr
Referent: Michael (Sozialberatung am Heinrichplatz)

Ein ehemaliger KB-Kader erzählt

Der 1971 in Hamburg gegründete Kommunistische Bund (KB), der seinerzeitigen sog. ML-Bewegung in der BRD zuzurechnen, gab die Organisationszeitschrift Arbeiterkampf (AK) heraus. Im Zuge diverser Organisationsspaltungen wurde diese 1991/1992 umbenannt in die bis heute erscheinende Zeitschrift analyse & kritik (ak). Vor allem über dieses Periodikum gelang es dem KB in der zweiten Hälfte der 70er Jahre in die diversen sozialen Bewegungen sowie in den Gründungsprozeß der bunten und alternativen Listen hineinzuwirken, aus denen sich dann die Partei der Grünen herauskristallisierte.
Über den KB ist 2002 die hervorragende Untersuchung von Michael Steffen erschienen: Geschichten vom Trüffelschwein -Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971 bis 1991 (Verlag Assoziation A). Diese stützte sich auf öffentliche und interne Materialien des KB, sowie intensiven Korrespondenzen und Interviews mit einer Vielzahl ehemaliger Leitungskader des KB. Zu dieser Liga gehörte der Vortragende nicht. Vielmehr war er auf der untersten Arbeitsebene als KB-Kader tätig. Den Schwerpunkt bildete neben der Organisations- die antirep/antifa-Arbeit. Solche Leute traten weder als vermeintlich orientierend Wirkende bei bündnispolitischen Verhandlungen auf (Aktionseinheiten, etc.), noch schrieben sie Artikel, die anderen die Welt erklären sollten. Wir waren schlicht „Umsetzer_innen“ der jeweiligen Beschlüsse. Hier: Vorwiegend in Nordrhein-Westfalen, nicht gerade ein Schwerpunkt der ML-Bewegung. In dieser Funktion waren wir aber auch Ziel staatlicher Aufklärungsbemühungen und Einschüchterungsversuche.

Die Veranstaltung bietet einen diesbezüglichen, zwangsläufig subjektiven, Erlebnisbericht:

  • Wieso stößt ein aus der christlichen Jugendarbeit kommender Mensch 1974 zur radikalen Linken?
  • Was hat man da konkret gemacht?
  • Wie lebte es sich im Fadenkreuz des Staatsschutzes? Und wie ging man damit um?
  • Wie verdaute man die Zerlegung diverser Illusionen und Fehleinschätzungen, die sich im Laufe der Jahre als solche erwiesen?

Und bei Interesse: Wie versuchte man, den verbleibenden, nicht unerheblichen Kernbestand an Erfahrungen und Erkenntnissen, über die Zeiten des Niedergangs der sozialen Bewegungen zu retten?
Das wird kein Blick zurück im Zorn, im Gegenteil: Es soll ein mit diversen Dokumenten und Anekdoten untermalter Blick zurück in eine Zeit sein, über die heute eine vielfach verzerrte Rezeption erkennbar ist. Wir waren zwar nicht schlecht. Aber so toll, wie es im Nachhinein von diversen seinerzeitigen Akteuren dargestellt wird, waren wir bei Weitem auch nicht. Wir waren – nach der jahrzehntelangen faschistischen und restaurativen Politk in Deutschland – die Wieder-Anfänger_innen eines linksradikalen Lebensentwurfes.

zum Audiomitschnitt

Link zu Video
„40 Jahre linke Bewegung, 40 Jahre ak – Geschichte einer Zeitung“