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Dekonstruktion des Heroischen

Vortrag
Mi, 22.2.2012 um 19:30 Uhr
Referent: Michael (Sozialberatung am Heinrichplatz)

Ein ehemaliger KB-Kader erzählt

Der 1971 in Hamburg gegründete Kommunistische Bund (KB), der seinerzeitigen sog. ML-Bewegung in der BRD zuzurechnen, gab die Organisationszeitschrift Arbeiterkampf (AK) heraus. Im Zuge diverser Organisationsspaltungen wurde diese 1991/1992 umbenannt in die bis heute erscheinende Zeitschrift analyse & kritik (ak). Vor allem über dieses Periodikum gelang es dem KB in der zweiten Hälfte der 70er Jahre in die diversen sozialen Bewegungen sowie in den Gründungsprozeß der bunten und alternativen Listen hineinzuwirken, aus denen sich dann die Partei der Grünen herauskristallisierte.
Über den KB ist 2002 die hervorragende Untersuchung von Michael Steffen erschienen: Geschichten vom Trüffelschwein -Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971 bis 1991 (Verlag Assoziation A). Diese stützte sich auf öffentliche und interne Materialien des KB, sowie intensiven Korrespondenzen und Interviews mit einer Vielzahl ehemaliger Leitungskader des KB. Zu dieser Liga gehörte der Vortragende nicht. Vielmehr war er auf der untersten Arbeitsebene als KB-Kader tätig. Den Schwerpunkt bildete neben der Organisations- die antirep/antifa-Arbeit. Solche Leute traten weder als vermeintlich orientierend Wirkende bei bündnispolitischen Verhandlungen auf (Aktionseinheiten, etc.), noch schrieben sie Artikel, die anderen die Welt erklären sollten. Wir waren schlicht „Umsetzer_innen“ der jeweiligen Beschlüsse. Hier: Vorwiegend in Nordrhein-Westfalen, nicht gerade ein Schwerpunkt der ML-Bewegung. In dieser Funktion waren wir aber auch Ziel staatlicher Aufklärungsbemühungen und Einschüchterungsversuche.

Die Veranstaltung bietet einen diesbezüglichen, zwangsläufig subjektiven, Erlebnisbericht:

  • Wieso stößt ein aus der christlichen Jugendarbeit kommender Mensch 1974 zur radikalen Linken?
  • Was hat man da konkret gemacht?
  • Wie lebte es sich im Fadenkreuz des Staatsschutzes? Und wie ging man damit um?
  • Wie verdaute man die Zerlegung diverser Illusionen und Fehleinschätzungen, die sich im Laufe der Jahre als solche erwiesen?

Und bei Interesse: Wie versuchte man, den verbleibenden, nicht unerheblichen Kernbestand an Erfahrungen und Erkenntnissen, über die Zeiten des Niedergangs der sozialen Bewegungen zu retten?
Das wird kein Blick zurück im Zorn, im Gegenteil: Es soll ein mit diversen Dokumenten und Anekdoten untermalter Blick zurück in eine Zeit sein, über die heute eine vielfach verzerrte Rezeption erkennbar ist. Wir waren zwar nicht schlecht. Aber so toll, wie es im Nachhinein von diversen seinerzeitigen Akteuren dargestellt wird, waren wir bei Weitem auch nicht. Wir waren – nach der jahrzehntelangen faschistischen und restaurativen Politk in Deutschland – die Wieder-Anfänger_innen eines linksradikalen Lebensentwurfes.

zum Audiomitschnitt

Link zu Video
„40 Jahre linke Bewegung, 40 Jahre ak – Geschichte einer Zeitung“

Zur Geschichte und Gegenwart des linken Buchhandels

Vortrag
Mi, 25.01.2012 um 19:30 Uhr.

Vom Verband des linken Buchhandels (VLB), Druckereien, Verlage bis heute.

Seit zwei Jahren befinden sich bundesweit linke Buchläden wieder in den Schlagzeilen. Übereifrige Staatsanwälte hatten bei ihnen im Monatstakt Durchsuchungen beantragt. Sie wollten die Läden kriminalisieren, weil sie einigen Herausgeber_innen konspirativ hergestellter Zeitschriften nicht habhaft werden konnten… mehr dazu: http://unzensiert-lesen.de/

Wir sind gespannt, was uns im neuen Jahr von dieser Seite noch erwarten wird.

Zunächst jedoch wird es uns Anlass genug sein, Ausflüge in die Geschichte des linken Buchhandels zu unternehmen. In den 1970er Jahren existierte ein eigener Verband des linken Buchhandels (VLB). Geboren aus den Revolten um 1968 bildete er für die radikale Linke Westdeutschlands eine wichtige Anlaufstelle. Im Rahmen seiner Promotionsarbeit hat sich unser Referent, Uwe Sonnenberg, in die Geschichte des VLB eingearbeitet. In seinem Vortrag wird er uns einen Abriß der Entwicklung des Verbandes geben.

Was war eigentlich der VLB, der Verband des linken Buchhandels? In welcher Situation, zu welchem Zweck hat er sich gebildet?

Warum gibt es den VLB nicht mehr?

Weitere Fragen insb. für die Diskussion:
Würde ein VLB heute noch Sinn machen? Gibt es alternative Formen der Kooperation linker Buchläden, Verlage, Druckereien? Gibt es überhaupt noch eine Kooperation oder wurschteln alle so vor sich hin und stöhnen unter dem ökonomischen Druck? Oder richtet das Internet eh langsam alle linken Buchläden und Infoläden zugrunde? Ist das Internet ein guter Ersatz? Was ist denn überhaupt heute das Selbstverständnis linker Buchläden?
Auch andere linke Buchläden sind angefragt und herzlich eingeladen an der Diskussion teilzunehmen.

Vom Pöbel zum Proletariat

Buchvorstellung
15.11.2011 um 19:30 Uhr.
Referent: Ralf Hoffrogge (Historiker, reflect!)
Moderation: Michael Hewener (reflect!)

Der Kampf gegen die Lohnarbeit als Ursprung der Arbeiterbewegung

Angesichts des aktuellen Gegensatzes von Massenarbeitslosigkeit für die einen und gesteigerter Arbeitshetze für andere spielen Forderungen nach Grundeinkommen und radikaler Arbeitszeitverkürzung derzeit eine große Rolle. Arbeit und Existenz sollen entkoppelt werden, ein würdiges Leben auch ohne Lohnarbeit möglich sein. Statt des alten Kampfes der Arbeiterbewegung für bessere Löhne wird ein „Kampf gegen die Arbeitsgesellschaft“ gefordert.

Dieser Kampf gegen die Arbeit ist jedoch kein neues Phänomen: bereits Anfang des 19. Jahrhunderts und auch schon vorher widersetzten sich radikale Handwerker, städtische Unterschichten und Tagelöhner dem aufkommenden Zwang zur Lohnarbeit. Feste Arbeitszeiten, Fabrikdisziplin und fremdbestimmte Arbeitsprozesse waren Phänomene, die in längeren Kämpfen mit Zwang durchgesetzt werden mußten. Erst nach einer Generation wurde die Lohnarbeit zur unhinterfragten Realität – und die Schimpfworte „Arbeiter“ und „Arbeiterin wandelten sich zu einer positiven Protest-Identität, die sich in der Revolution von 1848 zum ersten mal entfaltete.

Der Workshop gibt ein kurzes Impulsreferat zu historischen Kämpfen gegen die Einführung der Lohnarbeit und stellt dann die Frage, inwieweit diese Erfahrungen in der heutigen Krise der Arbeitsgesellschaft relevant sind.

Zum Referenten: Ralf Hoffrogge ist Historiker, vor kurzem erschien von ihm in der Reihe „Theorie.org“ eine historische Einführung zum Thema „Sozialismus und Arbeiterbewegung“, auf deren Überlegungen auch die Veranstaltung basiert. Mehr dazu hier: LINK